Montag, 10. November 2008

kopfüber

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"Kopfüber" ist vermutlich das unlogischste und rätselhafteste Wort der Deutschen Sprache.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, "kopfüber" sei eine Reisemethode. "Kopfüber in die Nacht" hieß ein bekannter Jugendfilm der 80er. "Kopfüber in die Hölle" ein nicht weniger bekanntes Lied der Band "Die Ärzte".

Kopfüber stürzt man sich in Abenteuer, in Studien, in Liebschaften, in die Tiefe, vom drei-Meter Brett und ins Verderben.

Allerdings muss man sich nicht unbedingt bewegen, um kopfüber zu sein. So hängen Fledermäuse kopfüber von der Decke und ich selbst in Kindertagen kopfüber im Schweinebaumel vom Klettergerüst. Butterbrote liegen gerne kopfüber mit der gebutterten Seite im Teppich und Bücher lassen sich sogar kopfüber lesen.

Auffallend ist hierbei, dass "über" in der Regel eine Vertikal nach oben gerichtete Ortsbestimmung ist: Was "über" ist, hat die anderen Dinge unter sich. Da ist das "über" dem "auf" sehr ähnlich.

Allein das Wort "kopfüber" schert sich keinen Deut darum, was über oder unter ist. Fröhlich ignoriert es, dass "kopfüber" bedeuten müsste, dass der Kopf über allem ist - und packt ihn nach ganz unten.
Wer irgendetwas kopfüber tut, hängt den Kopf dafür nach ganz unten.

Wie aber kommt es, dass "kopfüber" sich der allgemeinen Sprachlogik so entzieht? Das Grimmsche Wörterbuch führt das Wort zwar auf, nennt jedoch keine Herkunft.
Wäre nicht "Kopfunter" ein viel passenderer Ausdruck?
Auch den kennt das Grimmsche Wörterbuch, führt jedoch nur an, er bedeute dasselbe wie "kopfüber".

Ja was!? Da gibt es zwei Wörter in unserer Sprache, die sich gänzlich gegenseitiger Extreme bedienen und dennoch dasselbe bedeuten? Kopfüber? Kopfunter? Jacke wie Hose?

In diesem Falle bleibt auch mir nichts als Spekulation. Zwei Möglichkeiten scheinen mir sinnvoll.
Zum einen mag sich das Wort aus der Redewendung "Hals über Kopf" ergeben haben. "Hals über Kopf" ist schließlich nur eine Aussage, die bedeutet, dass alles in Unordnung ist, dass die gegebene Reihenfolge (Kopf über Hals) aufgelöst wurde. Vielleicht entwickelte sich daraus das "kopfüber".

Möglicherweise entwickelte es sich aber auch aus "Kopf voran". Der Kopf ist der empfindlichste Teil des Körpers. Der Teil, den wir am ehesten beschützen würden. Uns mit dem Kopf voran in etwas zu stürzen, impliziert ein großes Risiko: Der Kopf trifft das Unbekannte, das potentiell Gefährliche als erstes und völlig ungeschützt. Deshalb wird es oft als unvorsichtig und unvernünftig betrachtet.

Genau das also, was wir mit "kopfüber" bezeichnen können. Und von "Kopf voran" zu "kopfüber" ist es ein kleiner Sprung. Sowohl voran wie über bezeichnen etwas vorgelagertes, etwas vorgehendes oder vorstehendes.

Vorerst aber - muss das Rätsel, weshalb man, wenn man kopfüber ist, kopfunter ist, ungelöst weiterbestehen.

Randbemerkung:
"Überkopf" ist erheblich logischer und beschreibt nur Dinge, die sich oberhalb des Kopfes befinden. Hängt man kopfüber, ist der Körper also überkopf.